Shatabdi – Johannes Lemke & Jarry Singla

Tracklist

  1. Passing II 7:42
  2. Eismetallen 11:32
  3. Shatabdi 7:28
  4. Tendu 6:31
  5. Tumburu 9:49
  6. Thillana 8:56
  7. Be Cheerful 5:44
  8. Malev 6:02

1/3/7/8 – composed by Johannes Lemke
2/4/5 – composed by Jarry Singla
6 – composed by Lalgudi Jayaraman

produced by

Johannes Lemke & Jarry Singla

Executive producer

Philipp van Endert & André Nendza

Musicians

Johannes Lemke: Altsaxophon
Jarry Singla: Piano & indisches Harmonium

About the album (german)

Zwei Suchende, deren Begeisterung für die Klangwelten fernab Europas stetig wächst.

Zwei Lebenswege, die über viele Jahre unabhängig voneinander verlaufen, sich allmählich verzahnen und schließlich zusammenfinden.

In den neunziger Jahren kommt der deutsch-indische Pianist Jarry Singla in New York erstmals mit dem südindischen Rhythmuskonzept in Kontakt, der Kölner Saxophonist Johannes Lemke besucht in Deutschland einen Workshop mit dem fantastischen nordindischen Sarodspieler Pratik Shrivastava. Anfang des neuen Jahrtausends lebt Singla mehrere Jahre in Mexiko Stadt und erweitert dort seinen interkulturellen Horizont, Lemke gründet in Deutschland parallel das Ensemble Tria Lingvo – wegweisend in der deutschen Jazzszene, ausgezeichnet mit dem Neuen Deutschen Jazzpreis und in seiner Musik inspiriert durch persische und afrikanische Musikkulturen.

Zurück in Deutschland lotet Jarry Singla in dem kammermusikalischen Quartett „Lagash“ die Möglichkeiten der Symbiose von irakischer und westlicher Musik aus, und mit dem Ensemble der ukrainischen Sängerin Mariana Sadovska erhält er den Creole Worldmusic Award. Tria Lingvo arbeitet zeitgleich mit dem herausragenden französischen Geiger Dominique Pifarely an der Verbindung von Zwölftonkonzepten und zeitgenössischer Jazzimprovsation.

Singlas Eintauchen in den Klangkosmos des indischen Subkontinents intensiviert sich mit der Gründung von Eastern Flowers. Dieses Trio mit dem großartigen Perkussionisten Ramesh Shotham wird in den Folgejahren auf internationalen Festivals in Indien, Bolivien, Deutschland und Argentinien zu Gast sein. Ramesh Shotham wiederum lädt Johannes Lemke wenig später für eine Indientournee mit seinem Quartett Madras Special und dem Karnataka College of Percussion ein.

Schließlich erhält Jarry Singla die Chance, mit Unterstützung der Kunststiftung NRW ein Residenzstipendium in der westindischen Megalopolis Mumbai anzutreten und dort intensiv mit einigen der kreativsten Musiker seines zweiten Heimatlandes zu arbeiten. So entsteht das Sextett The Mumbai Project. Mitglied ist niemand geringerer als der erwähnte Pratik Shrivastava, den Johannes Lemke 15 Jahre zuvor in Köln kennen gelernt hatte.

Der Kreis schließt sich, als Johannes Lemke ein Deutschlandkonzert des Mumbai Project besucht und Kontakt zu Jarry Singla aufnimmt. Gegenseitige Sympathie ist sofort vorhanden, die musikalischen Wellen schwingen im Einklang, SHATABDI entsteht …

Die Musik des Duos ist geprägt von einer unstillbaren Neugier auf interkulturelle Begegnungen. Lemke und Singla sammeln Erfahrungen auf Reisen in exotische Kulturkreise und lernen dort von ihren musikalischen Mitstreitern. SHATABDI arbeitet mit bolivianischen Musikern bei dem renommierten „Bolivia Festijazz“ in La Paz, hierzulande trifft man auf die deutsch-afghanische Sängerin Simin Tander und den irakischen Djoze Virtuosen Bassem Hawar.

„Oft werden musikalisch-zwischenmenschliche Begegnungen zum Zündfunken neuer Kompositionen“, so Jarry Singla, „aber auch ein bolivianischer Rhythmus, ein indischer Raga, Strukturen aus der Neuen Musik, Natureindrücke oder Großstadtchaos können kompositorische Prozesse maßgeblich anregen“, erläutert der Pianist.

Ein Ausflug in die andine Bergwelt rund um das bolivianische La Paz führt ihn in das atemberaubend weite Zongotal, wo sich auf fast 5000 Metern Höhe ein Friedhof für Minenarbeiter befindet. Auf dessen Gräbern „wachsen“ verrostete Metallblumen, im Hintergrund leuchten die Eismassen des Sechstausenders Huayna Potosí. Dieses unglaubliche Naturerlebnis mündet schliesslich mit Singlas „Eismetallen“ in ein Musikstück, das europäische Improvisationskultur, fließende Rhythmen und Minimal Music Konzepte verbindet.

Lemke wiederum inspiriert die Reise im Shatabdi-Express von Bangalore nach Chennai zu seiner gleichnamigen Komposition, namensgebend für das Duo. Hier wird die auf einem indischen Raga basierende Melodie aufgebrochen und harmonisiert. Südindische rhythmische Strukturen werden mit europäischen Harmonien unterlegt, die kollektive Improvisation jedoch bleibt dem Raga verhaftet.

Für Johannes Lemke liegt der besondere Reiz des Duos in der Kombination aus harmonischer Ausrichtung und indischer Inspiration. „Das klingt vielleicht erst einmal widersprüchlich“, so der Saxophonist, „denn in der indischen Musik fehlen harmonische Strukturen weitgehend. Aber wir gehen viele Schritte weiter, indem wir die, sagen wir, indischen Melodiefragmente nicht nur harmonisieren, sondern bewusst verändern und umdeuten. Dadurch ensteht ein neues Klangbild, das weit über die mir bekannten Begegnungen von westlicher und indischer Musik geht. Das ist auch Jarrys Fähigkeit geschuldet, Melodien auf erfrischende und natürliche Weise zu harmonisieren und umzugestalten. Es erfolgt quasi eine Re- Komposition des Ausgangsmaterials.“

„Für mich ist das Faszinierende an Musik,“ ergänzt Singla, „dass sich die ursprüngliche Inspiration während des Kompositionsprozesses verselbständigt, quasi ein Eigenleben annimmt. Komponieren ist eine Reise mit unabsehbarem Ziel.“

SHATABDI spielt eine Musik für Menschen, die die Kunst des Staunens, die Freude am „scheinbar Unscheinbaren“ nicht verloren haben. Lemke und Singla weben feinste Texturen und geben der Musik schier grenzenlosen Raum zum Atmen. „Gespräche mit Zuhörern legen den Schluss nahe, dass unsere Musik eine innere Ruhe ausstrahlt, die manche Menschen in ihrem Alltag vermissen“, berichten die beiden Künstler. Mühelos lassen sie Klangbilder und Klangflächen entstehen, die den Hörern die Möglichkeit eröffnen, musikalisch Vertrautes in fremden und musikalisch Fremdes in vertrauten Zusammenhängen (neu) zu verstehen. Mal lyrisch und ruhig wie in Lemkes Stück „Malev“, komponiert im Geiste von Griegs Peer Gynt Suite und doch vollkommen eigenständig. Mal aufbrausend und pulsierend wie in Singlas „Tendu“, wo nordindische Rhythmik auf europäischen Kontrapunkt trifft. Johannes Lemke und Jarry Singla erschaffen in ihrem Duo eine wunderbar authentische Musik, die nur in einem weltoffenen Europa des 21. Jahrhunderts beheimatet sein kann und doch Geschichten von so vielen Orten dieser Erde zu erzählen weiß.

Release Date: 2018/05/04
Catalogue-No.: 5107JS